Der Jazzmusiker
© Benno Walldorf (as). Foto: privat
© Foto: Benno Walldorfs Sopransaxophon, 2024, privat
© Benno Walldorf (as) Foto: privat
Benno Walldorf als Jazzmusiker
Man kann mit Fug und Recht feststellen, dass Benno Walldorf in Gießen zur sog. Swingjugend gehörte. Eine entscheidende Begegnung mit dem Gießener Violinisten und späteren Saxophonisten Paul Martin während eines Fliegeralarms in einem Luftschutzraum, dem sog. Felsenkeller, in Gießen, der ihm begeistert von Johnny Hodges erzählte, weckte sein Interesse für den Jazz. Diese Anekdote fand ihren Niederschlag in der Komposition des „Felsenkeller-Blues“, für den Paul Martin und Benno Walldorf gemeinsam firmieren (zu hören auf der Schallplatte "Benno Walldorf 1957-1984‚ Happy again – but the Blues?", 1985). Im Gießener Musikhaus Busch in der Marktstraße bekam man unter der Hand auch Jazzplatten (vgl. Helmut Hardt in Als Amerika nach Gießen kam, dort noch weitere Einzelheiten). Benno Walldorf, ein Jahr jünger als Paul Martin, fuhr auf Wunsch seiner Mutter lieber nicht nach Frankfurt, wo sich um Carlo Bohländer, Horst Lippmann und andere auch während der Zeit des Nationalsozialismus eine (verbotene) Jazzszene erhalten konnte. Jonas Lohse spricht in seinem Artikel „Ein Jahrhundert Jazz in Frankfurt“ davon, dass „bis in den Krieg hinein […] regelmäßig internationale Orchester in Frankfurt [gastierten], das sich zu einer Hochburg der „Swingjugend“ entwickelte. „Die Swingjugend gilt“, so Lohse weiter, „heute als eine der ersten Ausprägungen einer jugendlichen Subkultur“. Ihre Adepten „fielen nicht nur durch unmilitärisch lange Haare und ihren elegant-dandyhaften Kleidungsstil auf, sondern pflegten auch eine sehr urbane Freizeitgestaltung. So weit wie möglich schwänzten die Mitglieder der Swing-Cliquen den wöchentlichen Pflichtdienst in Hitlerjugend und Bund deutscher Mädels und trafen sich stattdessen lieber in Cafés und hörten dort ihre mitgebrachten Jazzschallplatten.“ (Jonas Lohse, „Ein Jahrhundert Jazz in Frankfurt“, in: Journal Frankfurt, 24. und 26. November 2023).
Helmut Hardt erzählt weiterhin, dass er und Benno Walldorf - „bereits damals eine sensible, künstlerische Natur“ - im Jahre 1943 in einer Gartenlaube in der Rodheimer Straße (wohl Nr. 40, wo Willy Bernard gemeldet war) in Gießen heimlich nachspielten, was sie im Soldatensender Calais gehört hatten. Benno Walldorf spielte zu dieser Zeit noch eine Knopfharmonika und versuchte, verschiedene bekannte Lieder zu „verjazzen“, wozu Helmuth Hardt ihn mit einem Cymbal begleitete.
Hardt erzählt von einer Begegnung mit einem jungen Frankfurter, der ein Koffergrammophon und eine Louis-Armstrong-Platte bei sich hatte. „Benno und ich waren so begeistert, dass wir uns ohne zu zögern in die Bahnhofshalle setzten, um dort ungeachtet der vielen Menschen den Titel „Cain and Abel“ (von 1940) zu hören. Natürlich dauerte es nicht lange, da kamen zwei Männer von der Wehrmacht, die gleich die Schallplatte beschlagnahmt haben. Wir haben Glück gehabt, dass sie uns laufen ließen.“
Wie gut sich Rolf „Benno“ Walldorf im Jazz auskannte, belegt sein Schallplattenvortrag als Mitglied im von ihm gegründeten kulturellen Interessenkreis „die treppe“ über „Alte und moderne Jazzmusik“ am 15. Juli 1952 im Gießener Amerika-Haus, über den beide Gießener Zeitungen berichteten: „Das hervorstechendste Merkmal des Jazz ist die Improvisation. Diese Musik ist nicht zweckgebunden und deshalb nicht mit der Tanzmusik und mit Schlagern zu verwechseln. Jazz ist vor allem Selbstzweck und will nebenbei nur unterhalten.“ Und: „Der Jazz ist eine lebendige, experimentierfreudige Kunst, die nach Ansicht des Redners eher einen Vergleich mit der klassischen Musik als mit den heutigen Tanz-und Liedschlagern zuläßt.“ (Gießener Freie Presse [?], 19.07.1952). Belegt ist weiterhin, dass Benno Walldorf sich im Jazz-Kreis Gießen engagierte. Am 14. März 1956 legte er in der Aula des Landgraf-Ludwigs-Gymnasiums (damals noch in der Südanlage), Jazzplatten auf und zeigte eigene Kulturfilme.
Sopransaxophon
Wenn es ein Glücksfall für die Frankfurter Jazzszene war, „dass die amerikanischen alliierten Streitkräfte ihr Hauptquartier am Main aufschlugen“, so gilt das cum grano salis auch für Gießen, wo das zentrale US-Depot eingerichtet wurde, von dem aus die Warenverteilung für die amerikanischen Besatzungstruppen in ganz Europa stattfand. Das „Deppo“ war für viele Gießerinnen und Gießener Arbeitgeber, auch übrigens für Benno Walldorf. Die GIs, wie man zu jener Zeit alle Truppenangehörigen nannte, verbrachten ihre Freizeit in amerikanischen Clubs, anfangs noch nach Hautfarbe getrennt, aber auch in Gießener Lokalen, wenn diese nicht off-limits waren. Zu nennen sind der Alpine Club und das Woodland, aber auch der Club der schwarzen Armeeangehörigen im beschlagnahmten Verbindungshaus Ecke Licher und Georg-Philipp-Gail-Straße (heute Landsmannschaft Chattia). Hier spielten sowohl „importierte“ amerikanische Musiker als auch lokale Gruppen, besonders Swing- bzw. Jazzmusiker.
Die rege Aktivität Benno Walldorfs als Musiker machen folgende Daten deutlich. So spielte er z. B. am 16. Mai 1953 im Saal Remy Küster in Koblenz an der Schanzenpforte, zusammen mit den Rheinwater Ramblers. Im Juni 1956 gar gab es in Marburg „Beifallsstürme um Benno Walldorf, Pete Schmidt und [das Marburger] Jazzorchester“ (Oberhessische Presse vom 21.6.1956) im französischen Militärkino, organisiert vom Deutsch-Französischen Club. Dort heißt es weiter: „Besonders die Soli von Benno Walldorf, der von Fachleuten zum besten Sopransaxophonisten in Deutschland gewählt wurde, rissen die Zuhörer immer wieder zu Beifallsstürmen hin. Seine Solonummern ‚Here lies love‘ und der ‚St. Louis Blues‘ waren Höhepunkte des Abends.“ Am 6. Juli 1956 organisiert der Jazzkreis Gießen einen Jazz-Band-Ball mit Tanz und Jam Sessions. Dabei spielten die Burgundy Street Paraders aus dem „studio jazz“ Frankfurt und das Mac Reimann Sextett im Gießener Saalbau (später Martinshof).
Mit der Dixieland-Jazz-Band „Burgundy Street Paraders“ meldete sich Benno Walldorf zum 2. Amateur-Jazzfestival 1956 in Düsseldorf an und erhielt auch eine Einladung zum Jazz-Salon in der Dortmunder Westfallenhalle im Februar 1957.
Am 16. Oktober 1956 meldet die Oberhessische Presse (?), dass der Gießener Rolf Benno Walldorf, „der in deutschen Jazzkreisen schon einen guten Namen hat“, mit den Burgundy Street Paraders (Frankfurt) auf dem Amateur-Jazz-Festival vertreten war. „Dieser Musiker war bester Sopransaxophonist des Festivals. Auf Grund dieses Erfolges entschloß sich Joachim E. Berendt vom Südwestfunk, Rolf Benno Walldorf in einer Fernsehsendung vor-zustellen, in der Walldorf seine von ihm gedrehten Schmalfilme zeigen und auch die Hintergrundmusik dazu spielen wird.“ Übrigens wurde auch der Gießener Alt-Saxophonist Olaf Kübler ausgezeichnet.
Eine Bitte der Forschungsgruppe:
Wer kann uns Hinweise darüber geben, was aus Benno Walldorfs Freund, dem in Gießen geborenen Jazzmusiker Paul Martin (Jg. 1927), geworden ist? Seine Spur hat sich seit Beginn der 1980er Jahre verloren.
Auch für andere Hinweise, Erinnerungen an den Künstler, Hinweise auf Verbleib von Bildern usw. sind wir dankbar. s. Kontakt.
Rolf Benno Walldorf: Jazz-Vortrag im Amerikahaus Gießen, 16. Juli 1952 | Gießener Freie Presse [?]
Felsenkellerblues (YouTube-Link)
Jazzstück von Benno Walldorf und Paul Martin, 5:25 min.
© Benno Walldorf Selbstporträt (Ausschnitt einer Einladungskarte für die Galerie Elefant)
© Foto S. Berger: Benno Walldorfs Sopransaxophon, 2024
Videolinks
Interviews mit Zeitzeugen und mehr siehe Seite "Erinnerungen"
Schallplatten, Tonaufnahmen
- Benno Walldorf Blues Combo, Wailin’ The Blues, Brunswick, 1958, EP
- Benno Walldorf Combo, Bus Stop 1958, Climax, EP
- Benny Waters, Benno Walldorf Blues Combo, oh. Titel, Amulett, 1962, EP
- Benny Waters & Benno Walldorf Blues Combo, Jada, o.J., Single
- Benno Walldorf Blues Combo, oh. Titel, Elefon Hot Jazz, 1976, LP
- Benno Walldorf Swing & Blues Combo & Jean Shy, Farewell, Sweet Saxophone, King Edward Records,1983, LP
- Benno Walldorf Jazz & Blues Combo 1957–1984, Happy again - but the Blues?, Elefon Hot Jazz, 1985, Doppel-LP
- Various, Jazz aus Frankfurt. Auswahl und Zusammenstellung Benno Walldorf, Verkehrsamt Frankfurt, 1979, LP
- Jean Shy, Maze. I Just Wanna Escape. Cover Design Benno Walldorf, King Edward Records, 1982, LP
- Albert Mangelsdorff, Mainhattan. Lost Jazz Files, Sonorama, 2015 [Cover -Design unter Benutzung eines Fotos von Benno Walldorf], LP